2. Dezember – Mistelzweige

Oma Bär hatte Opa Bär zum Einkaufen auf den Markt geschickt. “Und vergiss bloß nicht, mir einen Bund Mistel­zweige mitzu­bringen!”, rief sie ihm hinterher, und Opa Bär winkte ihr zur Bestä­tigung noch einmal mit dem Einkaufskorb zu. Als sie sich wieder umdrehte und zurück in die Bären­stube gehen wollte, stand plötzlich der Kleine Bär vor ihr. Er hatte sich ganz leise heran­ge­schlichen und jetzt wäre die alte Bärin fast über ihn gefallen. Da hatten die beiden aber noch einmal Glück gehabt!

Was wollen wir denn mit Mistel­zweigen, Oma Bär?”, fragte der Kleine Bär neugierig.

Du weißt nicht, wozu man Mistel­zweige braucht? Nun, damit schmückt man in der Adventszeit die Wohnung. Wenn man einen Bund Mistel­zweige über die Tür hängt, dann dürfen sich die Leute, die sich darunter treffen, sogar küssen. Aber darüber hinaus sehen Mistel­zweige auch sehr schön aus. Sie haben grüne Blätter und schmücken sich mit kleinen Kügelchen.”, erklärte Oma Bär, wonach sie sich wieder ihren Handar­beiten zuwendete und die Mistel­zweige auf der Stelle vergaß – im Gegensatz zum Kleinen Bären. Er überlegte schon, über welche Türe er die Mistel­zweige am liebsten hängen wollte. Vielleicht über seine eigene? Dann müsste ihm jeder, der sein Zimmer beträte, erst einmal ein Küsschen geben. Welch wunderbare Vorstellung! Aber eigentlich konnte er sich wirklich nicht beklagen, zu wenige Küsschen zu bekommen. Mama Bär, Papa Bär, Oma Bär, Opa Bär, die Geschwis­ter­bären – alle schmusten gerne mit dem Kleinen Bären. Und eigentlich wollte er auch gar nicht noch mehr Küsschen haben, schließlich braucht man ab und zu auch mal seine Ruhe. Nein, er müsste jemanden finden, bei dem es sich so richtig lohnen würde, Mistel­zweige über die Türe zu hängen. Er überlegte … und da kam ihm eine Idee.

Dem Kleinen Bären war aufge­fallen, dass Mama Bär und Papa Bär sich in den letzten Tagen ziemlich oft anbrummten. Zu allen anderen, vor allem zu den Kinder­bären, waren sie so lieb und freundlich wie immer. Doch mitein­ander gingen sie nicht so liebevoll um wie sonst. Ganz einfach – die beiden hatten ein bisschen Streit, den sie aber nicht offen austrugen. Da war der Kleine Bär als Friedens­stifter gefragt – er wusste ohnehin, dass Mama und Papa sich nie lange stritten und dass es einfach sein würde, die beiden wieder zu versöhnen. „Die haben sich doch sooooo lieb“, kicherte der Kleine Bär in sich hinein und schmiedete einen Plan.

Er würde die Mistel­zweige, die Opa Bär vom Markt mitbrächte, direkt über die Wohnzim­mertüre hängen. Gesagt – getan. Als Opa Bär mit den Mistel­zweigen vom Markt zurückkam, flüsterte der Kleine Bär ihm seinen Plan direkt ins Ohr. Flugs hob Opa Bär seinen kleinen Enkel so hoch, dass dieser die Mistel­zweige über der Türe mühelos befes­tigen konnte. Dann weihten sie auch Oma Bär in ihren Plan ein, die sie natürlich unter­stützen wollte.

Als Papa Bär am Abend von der Arbeit nach Hause kam, horchte der Kleine Bär beim Rasseln der Schlüssel auf. Jetzt musste alles perfekt funktio­nieren, er musste den genauen Zeitpunkt abwarten. Da Mama Bär sich lauthals mit Oma Bär unter­hielt, hatte sie gar nicht gehört, dass Papa Bär im Begriff war, ins Haus zu kommen. Dann vernahm der Kleine Bär Schritte im Flur und rechnete damit, dass sein Papa nun gleich zur Wohnzim­mertür hinein­spa­zieren würde. Just in diesem Augen­blick bat der Kleine Bär seine Mama, ihm schnell ein Glas Wasser zu holen, denn er hätte so schreck­liche Bauch­schmerzen. Dabei verzog er das Gesicht. Da sprang Mama Bär sofort auf und rannte in Richtung Küche. Genau unter dem Mistel­zweig begegnete sie Papa Bär – und hätte ihn fast umgerannt. Da lachten der Kleine Bär und seine Großeltern laut auf und klatschen in die Tatzen: “Küs-sen! Küs-sen! Küs-sen! Küs-sen! Küs-sen!”, riefen sie so lange, bis die Eltern verstanden, dass sie auf liebe­volle Weise reingelegt worden waren. Und dann mussten sie selbst lachen und gaben sich unter Beifall einen dicken, langen Kuss. Der Kleine Bär war sehr zufrieden und seine Bären­eltern mussten ihm versprechen, ab sofort wieder ganz lieb zuein­ander zu sein. Das versprachen sie ihm gerne und brachten ihn sogar gemeinsam ins Bettchen. Er bekam noch von beiden ein Küsschen, dann schlief er ein und träumte von unzäh­ligen Mistel­zweigen. Und unzäh­ligen Küsschen.

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