Mit diesem Tag ging die Adventszeit zu Ende und Weihnachten stand unmit­telbar vor der Tür. Der Kleine Bär hatte den ganzen Nachmittag des 24. Dezembers damit zugebracht, die selbst gebas­telten Geschenke für seine Eltern, Großeltern und Geschwister in Geschenk­papier zu wickeln. Als er fertig war, legte er sie unter den Christbaum und schlüpfte zur Entspannung in die warme Badewanne, wo er sich im warmen Wasser unter einem Berg wohlrie­chenden Schaumes herrlich ausruhen konnte, bevor das Fest losging.

Wie erwartet, gestaltete sich der Weihnachts­abend feierlich: Der Weihnachtsbaum erstrahlte in herrlichstem Glanz, Papa und Mama Bär hatten vorzüglich gekocht und Opa und Oma Bär saßen vor Freude strahlend auf dem Sofa. Der Kleine Bär und seine Geschwis­ter­bären durften viele bunte Päckchen mit Spielzeug aller Art auspacken. Welch ein Famili­en­glück! Die Großen freuten sich ganz besonders, wenn sich die Kleinen freuten. Und der Kleine Bär freute sich am meisten darüber, dass sich die anderen über seine selbst gebas­telten Geschenke freuten.

Als der Kleine Bär zu später Stunde ins Bettchen schlüpfte, konnte er die Augen kaum noch aufhalten. Weihnachten feiern war schon anstrengend! Schwups! Schon war er einge­schlafen. Das weiche Kopfkissen schmiegte sich sanft um sein Köpfchen, das strahlend weiße Federbett umgab ihn warm und leicht wie eine weiche Wolke. Wolke. Wolke. Wolke. Wolke …

Der Kleine Bär träumte. In seiner Traum­fan­tasie kam eine wunder­schöne, bauschig-weiße Wolke vom Himmel  zu dem Kleinen Bären herab­ge­schwebt. Er stieg vorsichtig auf, machte es sich bequem und glaubte, auf Watte zu liegen – gemütlich und flauschig war sein neues Wolkenbett! Sanft erhob sich die Wolke mit dem Kleinen Bären an Bord hoch in die Lüfte. Langsam schwebten sie über die Erde und der Kleine Bär konnte von oben aus beobachten, was in der Heiligen Nacht auf der Erde geschah.

Ein letztes Mal sah er den Weihnachts­markt. Noch einmal blinkten die vielen bunten Lichter, noch einmal roch es nach Maronen und gebrannten Mandeln. Über ihm funkelten die Sterne und der Mond lächelte freundlich.

Dann flogen sie über den Wald mit all den Tannen­bäumen, die in diesem Jahr keine Christ­bäume geworden waren. Vielleicht würden sie es nächstes Jahr schaffen. Sogar der Eisvogel hatte einen anderen Eisvogel gefunden, mit dem er auf einem beschneiten Ast Weihnachten feierte.

Wieder über der Stadt, sah der Kleine Bär geradewegs durch die Schorn­steine in die Häuser seiner Freunde hinein und stellte zufrieden fest, dass sie alle glücklich waren. Minuten später machte er dort unten sogar den Weihnachtsmann ausfindig, der sich auf seinem Schlitten sitzend von einem kräftigen Elch durch den Schnee ziehen ließ. Beide – Weihnachtsmann und Elch – machten zufriedene Gesichter. Offen­sichtlich war es ihnen gelungen, alle Geschenke recht­zeitig an die Bären­kinder zu verteilen. Der See, auf dem der Kleine Bär noch vor ein paar Tagen Schlitt­schuh­laufen gelernt hatte, war immer noch zugefroren und lag nun einsam und verlassen in der Dunkelheit.

Der Kleine Bär erinnerte sich an die wunder­baren Tage der Adventszeit. Er hatte viele schöne Dinge unter­nommen, entdeckt, gelernt und erfahren. Die Erinnerung daran machte ihn sehr glücklich und als sein Herzchen vor Freude warm wurde, wachte der Kleine Bär auf – und stellte fest, dass die Wolke in Wirklichkeit sein muckelig warmes Federbett war.

Bis zur nächsten Adventszeit lag fast ein ganzes Jahr voll Liebe, Freude und Abenteuer vor ihm. Darauf freute er sich und schlief mit einem Lächeln auf dem Schnäuzchen wieder ein.

Heute war General­probe für das Krippen­spiel, das am Heiligen Abend in der Bären­kirche aufge­führt werden sollte. Der Kleine Bär hatte mit den anderen mitwir­kenden Bärchen schon oft den Ablauf und seine Rolle als einer der Heiligen Drei Könige geübt. Das Jesulein würde in der Krippe liegen, Maria und Josef säßen daneben und Hirten kämen mit ihren Schafen und Eseln herbei. Den großen Auftritt aber würden die Heiligen Drei Könige haben, die dem Jesulein Gold, Weihrauch und Myrrhe bringen sollten. Sie würden ihm huldigen und die frohe Botschaft seiner Geburt in die Welt hinaus­tragen. So weit, so gut.

Eines war bis heute aller­dings noch nicht klar: Was würde er, der als König verkleidete Kleine Bär, dem Jesulein schenken? Gold? Daraus machte sich der Kleine Bär nicht viel. “Gold ist etwas für Bären­frauen wie meine Mami. Die hängt sich gerne Goldketten um den Hals, aber was soll denn solch ein kleines Baby mit Gold?”, protes­tierte er. Die zwei Bärchen, die die Rollen der anderen zwei Heiligen Könige spielen sollten, schauten ihn fragend an. “Dann schenk doch Weihrauch!”, schlug eines von ihnen vor. “Nein”, antwortete der Kleine Bär. “Das wäre aus meiner Sicht wirklich kein schönes Geschenk! Weihrauch kann man weder sehen noch fühlen. Man kann ihn nur riechen, und ich persönlich bekomme davon in der Kirche immer aller­gische Niesan­fälle. Nein, Weihrauch kommt für mich nicht in Frage.”

Dann bleibt nur noch Myrrhe!”, riefen die Bärchen im Chor.

Ich würde darüber nachdenken, wenn mir einer von euch erklären könnte, was das ist”, antwortete der Kleine Bär und blickte in die Gesichter seiner Freunde. Dort fand er keine Reaktion. Er schaute nur in große Augen und offene Münder. Niemand von ihnen wusste, was Myrrhe war. “Genug!”, verkündete der Kleine Bär. “Lasst euch von mir überra­schen. Morgen, am Heiligen Abend, werde ich das richtige Geschenk für das Jesulein dabei haben”, sagte er, verließ den Übungsraum und ging nach Hause. Aber als er am Abend zu Bett ging, wusste er noch immer nicht, was er schenken sollte. Vielleicht würde ihm im Traum etwas einfallen …

Als er tief und fest schlief, dachte er wieder über das Geschenk nach. “Warum schenkt man jemandem überhaupt etwas?”, schoss es ihm durch den Kopf. “Natürlich, damit der Beschenkte sich freut. Über etwas Schönes. Etwas von Wert … Und was hat wirklich Wert? Gold? Weihrauch? Oder Myrrhe? Nein … was könnte ich dem Jesulein Wertvolles von mir schenken? Mein Stoff­häschen könnte ich ihm schenken. Es hat großen Wert für mich, und ich liebe das Häschen am aller­meisten von meinen Spiel­sachen. Aber würde es dem Jesulein wirklich so viel wie mir bedeuten? Vielleicht nicht! Und ich würde das Häschen schrecklich vermissen und traurig sein.”

Der Kleine Bär überlegte weiter. Was war nur das Wertvollste, was er dem Jesulein schenken konnte? In Gedanken ging er alle seine Besitz­tümer durch und stellte fest, dass es nichts davon sein konnte.

Mit einem Mal wusste er die Lösung. Das Wertvollste, was er verschenken konnte, war etwas, was nicht mit Geld zu bezahlen oder irgendwo zu kaufen war. Es war seine Liebe. Und wenn der Kleine Bär Liebe spürte, dann wurde sein Herzchen immer ganz warm. Damit hatte er die Lösung – er würde dem Jesulein sein Herzchen und seine ganze Liebe schenken. Etwas Wertvol­leres als das gab es auf der ganzen Welt nicht.

Als der Kleine Bär aufwachte, war er sehr glücklich, denn er hatte endlich das richtige Geschenk gefunden. Doch wie sollte er den Zuschauern des Krippen­spiels deutlich machen, dass er dem Jesulein Liebe schenken würde? Liebe kann man nicht sehen, nur fühlen. Also blies er einen von seinem Bären­kin­der­ge­burtstag übrig geblie­benen, roten Herz-Luftballon auf. Dieses aufge­blasene Herz würde seine Liebe und Freund­schaft für alle sichtbar machen.

Der Kleine Bär war sich sicher, dass sich das Jesulein sehr über das Luftbal­lonherz freuen würde, und sah dem Krippen­spiel zuver­sichtlich entgegen.

Alle freuten sich über die dicken Schnee­flocken, die heute vom Himmel fielen und lustig vor den Fenstern tanzten. Nur noch zweimal schlafen, dann war Weihnachten. Weiße Weihnachten. Denn wenn das Schnee­ge­stöber anhielt, dann würde bald eine neue, dicke Schnee­decke über der Landschaft liegen und alles sähe so wunder­schön aus wie im Bilderbuch.

Kaum hatte sich die Sonne einen kleinen Streifen am Himmel erobert, da lief der Kleine Bär mit seinen Geschwis­terchen hinaus. Die Bärchen hatten eine Menge Spaß, tollten wie wild im Schnee herum und erfanden ständig neue Spiele.

Es fing an mit dem Suchspiel, bei dem sich eines der Bärchen in den Schnee plumpsen ließ und die anderen es suchen mussten. Obwohl das Bärchen vor Kichern kaum still sein konnte, war es gar nicht so leicht zu finden, da es sich fast ganz unter der Schnee­decke verbarg.

Weiter ging es mit einer Schnee­ball­schlacht, bei der kein Bären­ge­sicht braun blieb. Und nachdem jedes Bärchen unfrei­willig mindestens drei Schnee­bälle gegessen hatte, ließen die Bären­kinder davon ab und bauten gemeinsam einen dicken, großen Schneemann. Als er fast fertig war, kam Opa Bär mit einem Reisig­besen hinzu, den er dem Schneemann unter den Arm klemmte. Zwei Stückchen Kohle wurden ihm als Augen einge­setzt. Oma Bär kam heraus­geeilt und spendierte eine große, orangene Mohrrübe als Nase.

Kaum war der Schneemann fertig dekoriert, da schob sich eine dicke, graue Schnee­wolke vor die Sonne. In diesem Moment wurde das Licht ganz matt und ein kalter Wind pustete den Bärchen so fest ins Gesicht, dass sie schnell zurück in die warme Stube eilten. Bei heißem Kakao und vor dem brennenden Kamin erholten sich die Bärchen schnell. Am Abend fielen die kleinen Raufbolde bärenmüde ins Heiabettchen.

Der Kleine Bär lag gemütlich in seinen warmen Kissen und Decken und träumte wohlig vom Schnee. Im Traum konnten ihm Kälte und Eis nichts anhaben, statt­dessen forderte er den Schnee dazu auf, mit ihm Fangen zu spielen. “Du musst mich zuerst fangen, lieber Schnee!” rief der Kleine Bär. Der Schnee war mit dem Vorschlag einver­standen und hielt sich die Augen zu, während er bis zehn zählte. Dann machte er die Augen wieder auf, schaute sich gründlich um und konnte seinen Spiel­ka­me­raden nicht entdecken. Daraufhin fegte der Schnee in einem Höllen­ka­racho rund um das Haus, kletterte auf die beschneiten Apfel­bäume hinauf und wieder hinunter. Plötzlich sah er den Popo des Kleinen Bären aus einem Schneeloch hinaus­lugen und preschte im Nu auf das Versteck zu. Der Kleine Bär merkte das sofort, huschte schnell wie die Feuerwehr hinaus aus seinem Versteck und verschwand hurtig in einem hohlen Baumstamm. Doch auch hier fand ihn der Schnee.

Dann fand der Kleine Bär es an der Zeit, die Rollen zu tauschen. “So, jetzt fange ich aber dich!”, rief der Kleine Bär dem Schnee zu. Mit zugehal­tenen Augen zählte der Kleine Bär bis zehn, während sich der Schnee das erste Versteck suchte. Als der Kleine Bär die Hände herun­ternahm, war alles um ihn herum ganz mucks­mäus­chen­still. Nichts bewegte sich … Doch! Dort hinter dem Garten­häuschen rührte sich etwas! Schnell wie der Wirbelwind sprang der Kleine Bär zu der Stelle hin und entdeckte in der Tat das Versteck.

Der Schnee konnte nirgends lange unent­deckt bleiben, da die kleinen Schnee­flocken nie still­stehen konnten. Mit ihrem Tanz verrieten sie jedes noch so gute Schnee­ver­steck. Das Lustige am Versteck­spielen mit dem Schnee war aber Folgendes: Immer dann, wenn der Kleine Bär den Schnee gefangen hatte, schmolz er ihm sofort in den Tatzen. Flutsch! und weg war er! Nur eine Spur Wasser blieb von den Schnee­flocken übrig.

Der Kleine Bär lachte sich im Traum über das lustige Spiel mit dem Schnee kaputt. Er lachte so heftig, dass ihm der Bauch weh tat und er mitten in der Nacht aufwachte. Hurtig schwang er sich aus dem Bettchen und eilte zum Fenster. Draußen rieselte immer noch der Schnee und verkündete eine Weiße Weihnacht. Der Kleine Bär öffnete das Fenster und sang dem Schnee leise das Weihnachtslied “Schnee­flöckchen, Weißröckchen” vor. Zum Dank für das schöne Ständchen ließ der Schnee seine Flöckchen noch einmal lustig vor der Nase des Kleinen Bären tanzen. Der Kleine Bär winkte ihnen noch einmal zu, bevor er das Fenster schloss und sich wieder in sein warmes Bettchen kuschelte und bis zum nächsten Morgen in tiefen Schlaf fiel.

Auf den nächsten Tag freute sich der Kleine Bär schon seit langem. Denn es war jedes Jahr wieder wunder­schön, mit Papa Bär zusammen in den Wald zu ziehen, um einen Weihnachtsbaum zu holen. Der Kleine Bär hatte kräftig zu Abend gegessen, denn am nächsten Morgen wollte er viel Kraft haben. Die beiden Bären­männer würden lange durch den Schnee stapfen und den Weihnachtsbaum weit nach Hause tragen müssen. Mama Bär hatte mit ihm zusammen schon die Sachen ausge­sucht, die der Kleine Bär anziehen würde. Eine richtig tolle Montur für einen Bären­jungen, der zu einem Abenteuer aufbrach: Feste Stiefel mit hohen Stulpen, ein dicker Wollpullover, eine flauschige Daunen­weste, eine Schneehose, ein Wollschal und eine tolle Pudel­mütze. Allein damit würde er schon aussehen wie der König des Winter­waldes, freute sich der Kleine Bär und schlief bald tief und fest.

Sein Traum ließ nicht lange auf sich warten. In dieser Nacht sah der Kleine Bär sich mit Papa Bär bereits durch den verschneiten Wald tapsen. Papa Bär schul­terte eine große, schwere Axt. Der Kleine Bär trug eine Thermos­flasche mit Tee und eine Menge gut duftender, von Mama Bär liebevoll geschmierter Butter­brote in seinem Rucksack. Sie waren nun schon lange unterwegs, aber weit und breit waren keine Tannen in Sicht. Nur große Eichen, Buchen und Sträucher, die natürlich als Weihnachts­bäume alle gar nicht in Betracht kamen. Besorgt fragten die Bären­männer einen vorbei­kom­menden Hirschen nach dem kürzesten Weg in ein Tannen­wäldchen. Der Hirsch guckte sie zunächst etwas gelang­weilt an, doch gegen ein leckeres Wurstbrot aus Bärchens Rucksack führte er die beiden Wanderer über Stock und Stein zu einem wunder­schönen Wäldchen. Dort standen unendlich viele Tannen­bäume, einer schöner als der andere. Wie jedes Jahr bestand der Kleine Bär darauf, dass ER den Weihnachtsbaum aussuchen dürfe. Papa Bär überließ seinem Sohn gerne die Auswahl, denn auch schon für einen Kinder­bären war es wichtig, eigene Entschei­dungen treffen zu können.

Der Kleine Bär wollte sich ganz bewusst und ohne Eile für den richtigen Baum entscheiden. Papa Bär setzte sich mit einem Brot laut schmatzend auf einen Baumstumpf und ließ seinen Sohn ungestört zwischen den Tannen hin und her wandern. Es gab große, schlanke Tannen, die ihre Äste gleich­mäßig und stolz um sich herum ausbrei­teten. Manche waren füllig, dicht und rund – so wie gut genährte Bären, dachte der Kleine Bär. Andere Tannen waren hoch gewachsen, elegant und schlank – wie schöne Bären­frauen, fand er. Der Kleine Bär überlegte, worauf es überhaupt bei einer Tanne ankam, um Weihnachtsbaum bei Familie Bär werden zu dürfen. Die Tanne sollte freundlich sein, nicht stolz und abweisend. Sie müsste sich wirklich darüber freuen, mit Familie Bär Weihnachten zu feiern. Dann dachte er an die schönen Weihnachts­sterne, die er gebastelt hatte, an die strah­lenden Christ­baum­kugeln, die duftenden Kerzen und schließlich an Oma Bärs Lebku­chen­an­hänger – und stellte fest, dass damit wirklich jeder Baum schön aussehen würde. Der Kleine Bär hatte begriffen, dass es ihm gar nicht darauf ankam, den perfekten, dichten oder schlanken Weihnachtsbaum zu finden. Schließlich war es ihm auch bei seinen Freunden egal, ob sie schön oder hässlich, dick oder dünn, groß oder klein waren. Das, was zählte, war einzig und allein ihr Wesen.

Er schaute sich noch einmal sorgsam um. Sein Blick fiel schließlich auf einen Baum, der relativ versteckt hinter großen, breiten Tannen stand. Es war Sympathie auf den ersten Blick und der Kleine Bär fragte lachend: “Möchtest du unser Weihnachtsbaum werden?” Das Tannen­bäumchen erschrak ein wenig und antwortete etwas schüchtern: “Warum fragst du denn ausge­rechnet mich? Die anderen haben doch viel schönere, geradere Zweige und viel dichtere, grünere Blätter als ich!” –

Das ist mir nicht wichtig. Würdest du dich denn freuen, mit uns Weihnachten zu feiern?”, fragte der Kleine Bär. Der Tannenbaum war ganz gerührt und lächelte bescheiden. “Bisher habe ich mich kaum gewagt, von so etwas Schönem zu träumen. Aber ehrlich gesagt, kann ich mir nichts Schöneres vorstellen als euer Weihnachtsbaum zu werden.” Der Kleine Bär freute sich, einen so freund­lichen, lieben Tannenbaum gefunden zu haben und holte seinen Papa Bär. Der wunderte sich, als ihm sein Sohn den dürren, etwas krummen Baum zeigte. Doch er sagte nichts, denn er respek­tierte die Entscheidung des Kleinen Bären und wusste, dass er sie von Herzen und mit weihnacht­lichem Sachver­stand getroffen hatte.

Nachdem die Tanne im Wohnzimmer der Familie Bär aufgebaut worden war, schmückte sie der Kleine Bär, bis sie so schön war, dass es jedem, der zur Tür hinein­schaute, den Atem verschlug. Die Tanne war überglücklich und strei­chelte den Kleinen Bären mit einem weichen Ast sanft über das Köpfchen. Und dann war der Traum aus.

Am Morgen wachte der Kleine Bär mit einem guten Gefühl im Bauch auf, denn er wusste, dass er die richtige, SEINE Tanne finden würde. Weil er genau wusste, wie er nach ihr suchen musste. Nicht mit den Augen, sondern mit dem Herzen.

Nun ist es wirklich an der Zeit, noch einmal alle Weihnachts­lieder zu üben, damit wir an Heilig­abend herrlich singen können”, sagte Oma Bär. In ihrer Freizeit leitete sie einen Kinderbären-Chor. Und dass der Kleine Bär in dieser Gruppe mitsang, war für ihn Ehrensache.

Eigentlich fand er seine Stimme gar nicht schön, deshalb bewegte er beim ersten Lied “O Tannenbaum” nur sein Schnäuzchen zur Musik. Es fiel gar nicht auf, dass er nicht mitsang, aber Spaß machte ihm das im Grunde auch nicht. Die anderen Bärchen gaben derweil ihr Bestes, lasen den Text von Blättern, die sie in ihren Tatzen hielten, ab und setzten einen wichtigen und angestrengten Gesichts­aus­druck auf.

Beim nächsten Lied “O du fröhliche” wollte der Kleine Bär nun seine Scheu überwinden und mitsingen. Doch als er nach Luft schnappte, um die erste Strophe zu singen, verschluckte er sich so kräftig, dass er bis zum Ende des Lieds husten musste. Das Nachbar­bärchen klopfte ihm mit der Tatze so lange auf den Rücken, bis es ihm wieder gut ging.

Endlich war die Gesangs­stunde vorbei und der Kleine Bär verließ den Raum, ohne nur eine Strophe gesungen zu haben. “Singen ist so schön, aber ich traue mich mit meiner Brumm­bä­ren­stimme einfach nicht”, dachte der Kleine Bär. Oma Bär hatte nichts gemerkt. Sie nahm ihn ans Tätzchen, lobte ihn für seinen wunder­schönen Gesang und ging mit ihm nach Hause.

In dieser Nacht träumte der Kleine Bär von seiner Chors­tunde. Er hatte sich vorge­nommen, sämtliche Tonlagen auszu­pro­bieren. Vielleicht würde es ihm ja gelingen, wirklich schön zu singen … Er stellte sich zu den Bären­mädchen, denn er hatte vor, besonders hoch zu singen. Beim Lied “Schnee­flöckchen Weißröckchen” erklang seine Stimme so hell und rein, dass ihn die anderen zunächst für ein Mädchen hielten. Und an der Stelle, an der die Noten die Noten­leiter sehr weit hinauf kletterten, wurde seine Stimme so stechend hell, dass plötzlich eine Fenster­scheibe zersprang. Klirrr! Da wusste der Kleine Bär, dass er keine Sopran­stimme hatte und verließ seinen Platz. Die anderen Bärchen hielten sich immer noch die schmer­zenden Ohren zu und guckten ganz verschreckt auf die Glasscherben.

Nun ordnete sich der Kleine Bär in die Reihe der größeren Bären ein, die schon fast richtige Bären­männer waren. Oma Bär stimmte das Lied “Leise rieselt der Schnee” an. Der Kleine Bär zog die Augen­brauen zusammen, schürzte die Lippen und legte los. Er war selbst erstaunt, wie tief er brummen konnte. Er brummte und brummte, bis die hölzerne Türe in zwei Teile ausein­ander fiel. Er hatte das Holz mit seiner Brumm­stimme tatsächlich in der Mitte durch­gesägt. Oma Bär war entsetzt und fragte in die Menge: “Wer brummt denn da so schrecklich, dass er gleich die Balken durchsägt?”

Der Kleine Bär erwachte schweiß­ge­badet aus seinem Traum. Wie schrecklich der gewesen war! Da spürte er Mama Bärs liebe Hand auf seinem Köpfchen und vernahm ihren wohligen Mama-Geruch. “Kleiner Bär, mein Schatz! Du träumst ja schlimmes Zeug!”, sagte Mama Bär mit leiser Stimme. Im Schlaf hatte er gesprochen und ihr seinen Traum erzählt. Schnell setzte sich der Kleine Bär im Bett auf, kuschelte sich ganz fest an seine Mama und ließ sich drücken und küssen. “Du musst doch deine Stimme gar nicht verstellen! Der liebe Gott hat dir doch solch ein wunder­bares Bären­stimmchen gegeben, so dass du das gar nicht nötig hast. Du bist du. Und du hast eine Stimme, die gut zu dir passt. Und wir alle, die dich lieb haben, hören dich gerne singen. Es kommt gar nicht darauf an, dass du perfekt singst – es kommt darauf an, dass es dir Spass macht!”

Da lehnte sich der Kleine Bär getröstet in sein Kissen zurück. Spaß haben? Das war für den fröhlichen Bären­jungen grund­sätzlich nicht schwer. Und wenn er sich nun keine Sorgen mehr um seine Stimme machen musste, dann konnte er sich ja wieder auf den Chor freuen. Er würde beim nächsten Treffen richtig mit seiner eigenen Stimme mitsingen – er war nun einmal so, wie er war, und er fand sich eigentlich gar nicht so schlecht!

Die Schnee­ball­schlacht hatte allen Kinder­bärchen riesigen Spaß gemacht – bis zu dem Augen­blick, in dem die Brille eines kleinen Bären­mäd­chens zu Bruch ging. Betroffen schauten die Bären­freunde auf das kaputte Glas. Das kleine Bären­mädchen begann fürch­terlich zu weinen, weil es nun nicht mehr gut sehen konnte.

Dem Kleinen Bären wurde ganz weh ums Herz, als er die Tränen sah. Da fasste er den Beschluss, ihr zu helfen. Er würde sich dafür einsetzen, dass das kleine Bären­mädchen so schnell wie möglich neue Brillen­gläser bekäme. Ohne Zeit zu verlieren, nahm er die Kleine ans Händchen und tröstete sie. Dann brachten sie die Brille gemeinsam zum Optiker. “Bis heute Nachmittag um fünf müssen die Gläser fertig sein”, sagte der Kleine Bär zu dem Optiker und setzte einen ernsten Blick auf. Dann brachte er seine Freundin zu sich nach Hause und erlaubte ihr, mit all seinen Spiel­sachen zu spielen, bis er wieder nach Hause kommen würde. Er wusste, hier war sie in Sicherheit, solange sie nicht richtig sehen konnte.

Zurück bei seinen Freunden verkündete der Kleine Bär seinen Geld-Beschaffungs-Plan für die neuen Brillen­gläser. “Tragt alle Maronen zusammen, die ihr im Herbst gesammelt und noch übrig habt. Wir werden einen Maroni­stand auf dem Weihnachts­markt eröffnen und so lange Maronen rösten und verkaufen, bis wir genug Geld haben. Jetzt los! In einer halben Stunde treffen wir uns wieder hier!” Die Bärchen strömten in alle Richtungen aus und waren zu dem verab­re­deten Zeitpunkt wieder beisammen. Der Kleine Bär sah mit Freude, dass sie viele Körbe voll Maronen zusam­men­ge­tragen hatten. Er selbst hatte zusätzlich den Würst­chen­grill von Opa Bär und Holzkohle mitge­bracht. “Auf zum Weihnachts­markt!”, rief er.

Dort angekommen, stellten die Maroni-Bärchen den Ofen an einer geeig­neten Stelle auf. Schon nach kurzer Zeit knisterten die Maronen auf heißer Glut. “Heiße Maroooonen! Heiße Maroooonen! Nur zwei Taler pro Tüte!”, riefen die Bärchen aus Leibes­kräften. Die ersten hungrigen Bären hielten schon an ihrem Stand an. Stolz füllte der Kleine Bär ein paar fertig geröstete Maronen vom Rost in eine Papiertüte und reichte sie der Kundschaft. Einem älteren Bären­ehepaar erzählte der Kleine Bär, warum sie Maronen verkauften. Als die Leute hörten, dass die Bären­kinder damit einem kleinen Bären­mädchen zu neuen Brillen­gläsern verhelfen wollten, gaben sie sogar noch einen Extra­taler hinzu. In Windeseile verbreitete sich die Geschichte von der Maroni-Bären-Bande über den ganzen Weihnachts­markt. Immer mehr Bären kamen, um ihre Maronen bei ihnen zu kaufen. Alle lobten die Bärchen dafür, dass sie sich so fleißig für ihre kleine Freundin einsetzten.

Das Geld in der Kasse wurde immer mehr. Gleich­zeitig wurden die Füße der kleinen Maroni­ver­käufer immer eisiger, und hin und wieder verbrannten sie sich die Finger an den heißen Maronen. Doch dies merkten die Bären­kinder nicht, denn das Rösten und Verkaufen machte ihnen jede Menge Spaß. Und der Gedanke an das kleine Bären­mädchen, das ohne Brille auf sie wartete, stachelte ihren Ehrgeiz noch weiter an.

Erst als die letzte Marone vom Grill und die Kasse voll war, merkten die Bären­kinder, dass sie ziemlich k. o. waren. Während die Glut abkühlte, zählte der Kleine Bär das Geld. Neunund­neunzig Taler – das würde reichen. Hurtig bauten sie den Maroni­stand ab und verließen den Weihnachtsmarkt.

Das kleine Bären­mädchen wartete immer noch im Kinder­zimmer des Kleinen Bären. Mama Bär hatte ihr Gesell­schaft geleistet und so erfahren, dass der Kleine Bär mit seinen Freunden Geld für die Reparatur der Brille verdienen wollte. Als der Kleine Bär hinein­ge­stürzt kam und verkündete, dass sie ihr Ziel erreicht hatten, schlug Mama Bär vor, die beiden Bären­kinder mit dem Bären­mobil zum Optiker zu fahren. Schon waren sie da!

Die Brille war bereits repariert. Bezahlen mussten sie dafür … genau neunund­neunzig Taler! Stolz legte der Kleine Bär den kompletten Verdienst der Maroni-Bären-Bande auf den Tisch. Das kleine Bären­mädchen setzte die Brille auf und konnte wieder perfekt sehen. Sie schaute den Kleinen Bären an. Aus ihrem Blick sprach Freude und Erleich­terung. Da nahm sie den Kleinen Bären in die Arme, drückte ihn ganz fest an sich und gab ihm zu guter Letzt auch noch einen dicken Schmatzkuss. “Tausend Dank, Kleiner Bär! Du bist ein wirklicher Freund!”

Der Kleine Bär war überwältigt von der Reaktion seiner kleinen Freundin und bekam einen knall­roten Kopf. Er sagte ihr, dass er sehr glücklich darüber war, dass nun wieder alles in Ordnung war. Und er lobte seine Bären­freunde, ohne deren Hilfe die Maroni-Aktion nicht möglich gewesen wäre. In Wirklichkeit war auch er sehr glücklich, solche guten Freunde zu haben. Sie würden sich gegen­seitig immer helfen, einander in jeder Lebenslage beistehen. Wie schön doch das Leben mit wahren Freunden war!

Der Kleine Bär war enttäuscht, dass Papa Bär ihn nicht zu seiner Verab­redung auf den Weihnachts­markt mitnehmen wollte. Das sei ein reines Männer­treffen, er wolle mit seinen alten Kumpel­bären endlich wieder einmal Glühwein trinken und von alten Zeiten erzählen.

Verstand Papa Bär denn nicht, dass es für seinen Sohn das größte Glück bedeutete, auf den Weihnachts­markt zu gehen?, fragte sich der Kleine Bär. Beim bloßen Gedanken an den Weihnachts­markt sah er schon wieder all die bunten Lichter und Nikoläuse vor sich, und er vernahm die tollen Gerüche von Bratwürsten und gebrannten Mandeln in seiner Nase. Als sich auch noch ein lautes Bauch­knurren und nervöses Herum­trippeln der Füße einstellte, beschloss er, etwas zu unternehmen.

An diesem Abend ging der Kleine Bär pünktlich um acht Uhr ins Bett. Er hatte brav sein Abend­essen gegessen, die Zähne geputzt und den Schlaf­anzug ohne Murren angezogen. Mama Bär wunderte sich, warum ihr Sohn heute ein so perfektes, artiges Bärenkind war. Würde er etwa krank werden?, dachte sie und gab ihm einen Gute-Nacht-Kuss.

Als Mama Bär aus dem Zimmer gegangen war und das Licht ausge­schaltet hatte, stellte sich der Kleine Bär zunächst schlafend. Nach einer Weile öffnete er weit die Augen und wartete. Nachdem er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, konnte er alle Spiel­zeuge und sogar seine Kleider erkennen, die Mama über einen Stuhl gehängt hatte. Schnell schlüpfte der Kleine Bär aus dem Bettchen heraus und hinein in seine Anzieh­sachen. Zum Schluss zog er sich noch seine Winter­jacke, die Pudel­mütze, Handschuhe und Stiefelchen an. Dann öffnete er leise das Fenster und kletterte ganz behutsam und leise von der Fensterbank an der Hauswand hinab in den Schnee. Die Nacht war dunkel und kalt. Er überlegte noch, ob sein Bettchen nicht gemüt­licher sei, doch dann sah er von weitem schon die Lichter und hörte die Musik des Weihnachts­marktes. Nichts konnte ihn jetzt noch halten. Er musste einfach nur diesen Zeichen folgen und bald hatte er sein Ziel erreicht. Auf dem Weihnachts­markt angekommen, fragte er einen alten, blinden, drehor­gel­spie­lenden Bären nach der Glühweinbude. Er solle einfach nur dem süßlichen Duft folgen, bekam er zur Antwort.

Mit dieser präzisen Wegbe­schreibung hatte der Kleine Bär bald die Glühweinbude erreicht und sogar seinen Papa in null Komma nix ausfindig gemacht. Papa Bär stand in einer Gruppe von Bären und amüsierte sich königlich. Alle lachten laut und fröhlich und tranken dabei aus dampfenden Keramik­tassen. Das muss ja lecker schmecken, dachte der Kleine Bär und bestellte sich sofort eine Tasse Glühwein. Dabei achtete er darauf, unent­deckt zu bleiben, da Papa Bär ihn sonst bestimmt sofort nach Hause gebracht und ausge­schimpft hätte. Nach ein paar Schlücken hatte sich der Kleine Bär an das kräftige Aroma des Glühweins gewöhnt und spürte, wie sich eine wohlige Wärme in seinem Körper ausbreitete. Er bestellte eine zweite Tasse, die er ebenfalls bis auf den letzten Tropfen austrank. Zwischen­durch entwischte ihm ein kräftiges Bäuerchen und als ihn die umher­ste­henden Bären entsetzt ansahen, konnte er sich einen Lachanfall nicht mehr verkneifen. Jetzt spürte er, wie seine Nase heiß wurde, und als er auf sie drauf schielte, stellte er fest, dass sie knallrot war. Da musste der Kleine Bär noch mehr lachen. Er wollte seine rote, dicke, heiße Nase allen zeigen und schwang sich wild auf die Theke. Er balan­cierte laut lachend zwischen den Tassen herum und verlor bald das Gleich­ge­wicht. Er plumpste in das Spülbecken, in dem eine ältere Bärin die Tassen reinigte. Das Wasser klatschte in hohem Bogen und ausge­rechnet Papa Bär wurde nass. Als Papa Bär seinen Sohn mit knall­roter Nase im Spülbecken liegen sah, ließ er seine Glühweintasse fallen und eilte herbei. Schwups! hatte er ihn auch schon hochge­hoben und an sich gedrückt. “Mein armer, kleiner Schatz”, sagte Papa Bär, “wo kommst du denn her?” Der Kleine Bär wollte antworten, doch es entwischte ihm nur ein heftiges “Hicks!”. Papa Bär wickelte den Bären­jungen in seinen Mantel und brachte ihn auf schnellstem Wege nach Hause. Der Kleine Bär merkte nicht einmal, dass ihm wie von Zauberhand wieder der Schlaf­anzug angezogen und er wieder ins Bettchen gelegt wurde. Sofort fiel er in tiefen Schlaf. Und dann träumte er ganz schrecklich.

Im Traum war seine Nase schon so rot wie ein Feuer­wehrauto und schwoll immer weiter an. Sie wurde größer als sein Kopf und er konnte sie kaum noch tragen. Dann kam ein sich drehender Propeller aus der Nase heraus und der Kleine Bär hob ab wie ein Hubschrauber. Er drehte sich wie ein Karussell und schwankte dabei hin und her, vor und zurück, so dass ihm ganz schlecht wurde.

Als der Kleine Bär am nächsten Morgen aufwachte, konnte er sich an seinen Traum nicht mehr erinnern. Aber der Kopf tat ihm schrecklich weh. Was war denn gestern auf dem Weihnachts­markt nur passiert? Und wie war er denn wieder nach Hause in sein Bettchen gekommen?

Beim Gedanken an Glühwein ekelte es den Kleinen Bären und die Nase fing an zu pochen. Nie wieder würde der Kleine Bär Glühwein trinken, da war er sich vollkommen sicher. In diesem Augen­blick öffnete sich die Kinder­zim­mertür und Papa Bär kam herein. Ohne ein Wort zu dem gestrigen Abend zu verlieren, nahm er seinen Sohn auf den Arm und drückte ihn liebevoll. “Willst du heute mit mir auf den Weihnachts­markt gehen?”, fragte Papa Bär. “Ja!”, rief der Kleine Bär. “Aber nur, wenn ich keinen Glühwein trinken muss. Außerdem will ich nie wieder alleine durch die Nacht laufen.”

Das ist in Ordnung”, sagte Papa Bär.

Im Traum ging der Kleine Bär in einer Schnee­land­schaft spazieren. Obwohl die verschneiten Hügel und Tannen wunder­schön aussahen, war ihm schon mächtig kalt. Als er sich einen Hügel hinun­ter­t­rollte, stand er plötzlich vor dem Schlitten des Weihnachts­mannes. Ein Elch war vor den Schlitten gespannt und blickte mit gelang­weilter Miene zu seinem Herrn, der sich in etwa 100 Metern Entfernung ein Würstchen auf einem Lager­feuer briet. An dem roten Mantel und dem langen weißen Bart war der Weihnachtsmann schon von weitem zu erkennen, doch er bemerkte den Kleinen Bären nicht.

Warum schaust du denn so traurig?”, fragte der Kleine Bär den großen Elch. Dieser schaute ihn mit trüben Augen und hängendem Kopf treuherzig an. “Du bist der Erste, der mich das fragt”, staunte der Elch, “aber du hast Recht, mir geht es wirklich nicht so gut.” – “Und warum nicht?”, wollte der Kleine Bär wissen.

Oh, ich bin in Wirklichkeit gar kein Elch, sondern ein Weihnachts­ge­schenk”, begann der Elch. “Bevor ich verzaubert wurde, war ich ein wunder­schönes Geschenk­paket, einge­wi­ckelt in herrlichstes Glanz­papier und verziert mit einer dicken Schleife. In der Zeit meines Lebens lag ich schon unter den schönsten Tannen­bäumen und auf den reichsten Gaben­ti­schen. Damals war ich sehr stolz auf mich und konnte mich nie für ein Kind entscheiden, dem ich zu Weihnachten geschenkt werden wollte und das mich hätte auspacken dürfen. Meine schöne Verpa­ckung war mir stets zu kostbar. Und Kinder mit ihren schmut­zigen Schoko­la­den­händen wollte ich erst gar nicht an mich heran­lassen. Eines Tages wurde der Weihnachtsmann sehr wütend, weil er mich schon unzählige Male verteilt, aber immer wieder auf seinem Schlitten wieder­ge­funden hatte. Da fuhr er mit mir zur Waldhexe, die mich in einen Elch verwan­delte. Seither ziehe ich jahraus, jahrein den Geschen­ke­schlitten des Weihnachts­mannes. Anstelle des schönen Geschenk­pa­piers habe ich nun ein braunes, grobes Fell und anstatt der Schleife trage ich eine Trense mit Zügeln. Und obwohl ich die Wärme eines weihnachtlich geschmückten Wohnzimmers sehr liebe, muss ich nun durch Nacht und Wind traben. Und dazu noch einen schweren Schlitten ziehen, der über und über mit Geschenken beladen ist. Deshalb bin ich traurig. Kannst du das verstehen?”, fragte der Elch.

Der Kleine Bär hatte der Geschichte des verwun­schenen Elches gebannt gelauscht und konnte dessen Gefühle gut verstehen. Deshalb wollte er den Elch nun trösten. “Komm, Elch, wir kuscheln uns zusammen, dann ist es uns schon gar nicht mehr so kalt”, sagte der Kleine Bär und drückte sich fest an das warme Fell. Er dachte über die Geschichte des Elchs nach und fand es nach kurzer Überlegung schon gar nicht mehr schwierig, ihn zu trösten.

Lieber Elch, warum bist du denn nicht froh über deine Verwandlung? Früher warst du ein eitles, unbeweg­liches Geschenk. Du hattest keine Freunde, weil du dich von niemandem auspacken lassen wolltest. Heute lieben dich alle Kinder, weil du ihnen die Geschenke des Weihnachts­mannes bringst. Und überhaupt: Früher hattest du kein wirkliches Leben, du warst ein Gegen­stand und konntest dich nicht frei bewegen oder gar sprechen. Heute bist du ein großer, statt­licher Elch, der toll röhren, laufen, springen und lachen kann. Ist das Leben, das du dagegen erhalten hast, nicht wunder­schön?”, fragte der Kleine Bär den Elch im Brustton der Überzeugung. “Du solltest der Waldhexe dankbar sein!”.

Du hast Recht”, sagte der Elch. “So habe ich mir das noch nie überlegt. Eigentlich habe ich wirklich allen Grund, mit meinem Dasein als Elch zufrieden zu sein. Ich bin weniger elegant, aber dafür habe ich wichtige Aufgaben zu erledigen und kann das Leben in vollen Zügen genießen.” Der Kleine Bär stellte fest, dass der Elch schon gar nicht mehr so traurig guckte, nein, seine Augen funkelten sogar vor Freude. ”Gut, dass ich ein Elch bin. Ich danke dir für deine Worte, Kleiner Bär!”, rief der Elch.

Der Kleine Bär verab­schiedete sich. “Ich muss jetzt leider weiter­gehen, lieber Elch. Denn noch vor dem Ende meines Traumes muss ich wieder zu Hause in meinem Bettchen liegen, damit alles in Ordnung ist, wenn ich erwache. Und danke, dass du mich so kuschelig gewärmt hast. Auch das hättest du als Weihnachts­ge­schenk nicht tun können!”

Zurück blieb ein zufrie­dener, freude­strah­lender Elch, der sich schon auf seine Aufgaben freute. “Hoffentlich ist der Weihnachtsmann bald fertig mit seinen Würstchen! Ich will unbedingt losziehen und Geschenke an die Kinder in der Stadt verteilen”, sagte der Elch freudig und ungeduldig.

Beim nachmit­täg­lichen Spaziergang an der Tatze von Opa Bär hatte der Kleine Bär einen Nikolaus-Bären kennen­ge­lernt. Dieser kleine, als Weihnachtsmann verkleidete Bär war ganz anders als die vielen anderen Nikolaus-Bären, die vor den Läden geschäftig auf und ab gingen und Glocken schwingend zum Kauf irgend­welcher Weihnachts­ge­schenke einluden.

Nein, dieser kleine Weihnachtsbär saß träumend auf einer Bank und pustete Seifen­blasen in die winter­liche Luft. Geschenke, glitzernde Girlanden und üppig geschmückte Tannen­bäume schienen ihn genauso wenig zu inter­es­sieren wie all die anderen Bären, die hektisch um ihn herum­wu­selten. Er hatte nur Augen für die Schönheit seiner Seifen­blasen und strahlte dabei eine wunderbare Ruhe aus.

Der Kleine Bär ließ sich von der ruhigen Stimmung des Weihnachts­bär­chens gefangen nehmen und blieb vor ihm stehen. Bewun­dernd hob er den Blick auf die schwe­benden Seifen­blasen, die zuerst lustig tanzten, dann lautlos zerplatzten und wieder durch neue ersetzt wurden. Opa Bär hatte nichts dagegen, ein wenig zu verschnaufen und setzte sich neben den kleinen Weihnachts­bären auf die Bank.

Bevor die Seifen­blasen den Kleinen Bären völlig zum Träumen brachten, sprach er das Weihnachts­bärchen an: “Guten Abend, Nikolaus! Deine Seifen­blasen sind wunder­schön! Ich staune nur, dass du in diesen Tagen so viel Zeit hast, Seifen­blasen zu pusten. Hast du denn nicht alle Tatzen voll zu tun, um die vielen Weihnachts­ge­schenke auszuliefern?”

Das Weihnachts­bärchen schaute den Kleinen Bären erstaunt an. Er bat ihn mit einer Tatzen­be­wegung, sich zu ihm und Opa Bär auf das Bänkchen zu setzen. Dann erklärte er dem Kleinen Bären, warum er hier saß und in aller Seelenruhe Seifen­blasen in die Adventsluft pustete: “Mit meinem Seifen­bla­sen­spiel bringe ich den großen und kleinen Bären genau das, was sie sich am meisten zu Weihnachten wünschen: Schönheit und Ruhe! Schau dir doch einmal genau die Seifen­blasen an. Sie sind perfekt gerundet, schimmern wunder­schön in allen Farben und reflek­tieren das Licht mit fröhlichem Glitzern. Keine Weihnachts­kugel kann von solch perfekter Schönheit sein wie eine Seifenblase.”

Das stimmt”, sagte der Kleine Bär, “so habe ich mir das noch nie überlegt, aber du hast wirklich recht. Doch der Nachteil an Seifen­blasen gegenüber Christ­baum­kugeln ist, dass sie schon nach wenigen Sekunden kaputt­gehen. Man kann sie einfach nicht festhalten.”

Das Weihnachts­bärchen musste nicht lange nachdenken und erklärte: “Die schönen Dinge im Leben muss man auch nicht unbedingt für immer festhalten wollen. Du musst sie in dem Augen­blick genießen, in denen du sie erlebst. Wenn du das kannst, dann bist du ein glück­licher Kleiner Bär! Denn Seifen­blasen sind wie Träume – sie schweben eben noch deutlich und klar vor dir und plötzlich zerplatzen sie. Trotzdem ist es schön zu träumen. Jeder Mensch sollte Träume haben, auch solche, die nichts mit dem wirklichen Leben zu tun haben. Wenn du aufwachst, sind deine Träume zwar weg wie zerplatzte Seifen­blasen. Aber es bleibt die Erinnerung an etwas Wunder­schönes und ein herrliches, ruhiges Gefühl im Herzen. Dieses Gefühl nenne ich Glück.”

Opa Bär hätte am liebsten Beifall geklatscht, denn in seinen Augen war das Weihnachts­bärchen ein sehr kluges Bärchen. Alles, was das Weihnachts­bärchen seinem Enkelchen über die Momente des Träumens und des Glücks gesagt hatte, fand Opa Bär richtig. Aber der kleine Weihnachtsbär war noch nicht fertig mit seinen Erklä­rungen. “Und deshalb bringe ich den Bären zu Weihnachten keine teuren Geschenke, sondern bringe ihnen mit meinen Seifen­blasen Ruhe und die Freude des Augen­blicks. Wer sein Leben zu genießen weiß, der wird sich über mein Geschenk freuen. Vielleicht träumt ja sogar mal jemand von mir, wer weiß? Das wäre mir als Weihnachts­bärchen schon Verdienst genug.”

Das werde ich heute Nacht auf jeden Fall tun!”, versprach der Kleine Bär, der immer noch träumend den lieblichen Seifen­blasen nachschaute. “Ich werde heute Nacht ganz bestimmt von dir und deinen wunder­schönen Seifen­blasen träumen.”

Über Nacht hatte es wieder geschneit, und als der Kleine Bär am Morgen aus dem Fenster schaute, erblickte er eine herrliche, unberührte Schnee­land­schaft. Das Weiß des Schnees leuchtete mit einer faszi­nie­renden Kraft, und die glatte Schnee­decke schrie förmlich nach den Tatzen­spuren spielender Bärchen. Nichts konnte den Kleinen Bären jetzt noch zurück­halten. Mama Bär schaffte es nur mit Mühe, ihren Sprössling zu einem kräftigen Frühstück zu überreden. Kaum war er damit fertig, schlüpfte er auch schon in seine Schnee­stiefel, gab Mama Bär einen Kuss und stürmte hinaus.

Der Himmel über ihm war blau, der Schnee glitzerte und die Luft war so eisig kalt, dass er seinen eigenen Atem sehen konnte. Der Kleine Bär schnürte den Wollschal noch fester um den Hals, zog die Mütze tief über die Ohren und stapfte los. Mit jedem Schritt versank er tiefer im Schnee – das war anstrengend, aber trotzdem war es ein herrliches Gefühl! Der Kleine Bär beschloss, bis zum Mittag­essen einen ausge­dehnten Spaziergang zu machen. Seine Geschwis­ter­bärchen wollte er heute nicht mitnehmen. In dieser aufre­genden Adventszeit sehnte er sich danach, die Stille und Schönheit der Landschaft für sich alleine zu genießen.

Nach einer Stunde musste er sich ausruhen und ließ sich auf einer Bank am Waldrand nieder. Als er dort saß und tief durch­atmete, erblickte er in einer Baumkrone einen wunder­schönen Vogel. Er hatte ein buntes Gefieder, wie der Kleine Bär es noch nie gesehen hatte. Als der Vogel den neugie­rigen Blick des Kleinen Bären spürte, flog er zu ihm hin und setzte sich neben ihn auf die Rücklehne der Bank. “Guten Tag, Kleiner Bär! Ich bin der Eisvogel. Was machst du hier so alleine?”, fragte er.

Hallo, Eisvogel! Ich bin hier, um Sonne, Schnee und Stille zu genießen”, antwortete der Kleine Bär und betrachtete den herrlich bunten Vogel nun von nahem. “Solch einen schönen Vogel wie dich habe ich hierzu­lande noch nie gesehen. Wo kommst du her und wo ist deine Familie?”, wollte er noch wissen.

Der Eisvogel freute sich, solch einen netten kleinen Bären auf seiner Reise getroffen zu haben und antwortete: “Ich bin schon seit vielen Monaten unterwegs und fliege durch die Lüfte, wohin ich mag. Da ich meisterhaft fliegen kann, habe ich absolute Freiheit. Niemand kann mir vorschreiben, wohin ich fliegen soll oder wohin ich nicht darf. Kannst du dir das vorstellen?“, fragte der Eisvogel.

Oh, das muss ja wunder­schön sein, lieber Eisvogel. Du musst wirklich sehr glücklich darüber sein, fliegen zu können! Ich kann das nicht!”, gab der Kleine Bär neidlos zu.

Ja, Kleiner Bär. Natürlich bin ich glücklich über die Freiheit, die ich habe.” Sprach der Eisvogel weiter. “Aber es gibt etwas, was mich traurig macht.” Der Kleine Bär wollte sofort wissen, was das sei, und der Eisvogel gab sich Mühe, es ihm zu erklären: “Ich kann zwar zu allen Orten fliegen”, sagte er, “aber eigentlich habe ich gar kein Ziel. Oft kann ich mich gar nicht über meine grenzenlose Freiheit freuen, weil ich immer das Gefühl habe, nicht dort anzukommen, wo ich hingehöre. Fliege ich nach Westen? Fliege ich nach Osten? Wo ist da der Unter­schied und wen kümmert es? … Ich bin immer so allein … Hin und wieder treffe ich Artge­nossen. Aber auch sie sind ruhelos in ihrem immer währenden Flug durch die Freiheit. Und so bleibe ich allein und irre ohne Ziel umher.”

Der Kleine Bär schaute den Eisvogel fragend an und versuchte, ihn zu verstehen. Doch ohne weitere Erklä­rungen schwang sich der bunte Vogel hoch in die Lüfte und rief dem Kleinen Bären zum Abschied zu, dass er nun weiter­fliegen müsse, um sein Ziel zu finden. In Sekun­den­schnelle war er verschwunden – und der Kleine Bär saß wieder alleine auf seiner Bank.

Das Gespräch mit dem Eisvogel beschäf­tigte ihn noch immer und er stellte sich die Frage, ob er selbst grenzenlose Freiheit hätte? Sicher, er konnte nicht fliegen, aber auf seinen vier Beinen konnte er viele Ziele in der näheren Umgebung erreichen. Er hatte die Freiheit spazieren zu gehen, mit Freunden lustig zu spielen, zu essen so viel er wollte … Aber es gab auch Grenzen: Bei Dunkelheit durfte er nicht mehr alleine nach draußen. Er musste abends um acht Uhr ins Bett und regel­mäßig in die Bären­schule. Mama Bär und Papa Bär setzten seiner Freiheit somit oft Grenzen. Selbst bei Oma Bär und Opa Bär durfte er bei weitem nicht alles was, er wollte. Aber ging es ihm deshalb schlechter als dem Eisvogel? Er überlegte …

Im Gegensatz zum Eisvogel fühlte sich der Kleine Bär sehr glücklich. Dass seine Eltern ihm einiges verboten oder Pflichten aufer­legten, machte ihn nicht wirklich traurig. Denn er fühlte sich von ihnen über alles geliebt. Sie wollten ihm mit den Famili­en­regeln nicht die Freiheit nehmen, sondern ihn vor Unglück schützen. Außerdem wusste der Kleine Bär ganz genau, wo er hinge­hörte und wohin er immer wieder zurück­kehren würde: Zu seiner Familie. Deshalb hatte er in seinem Leben immer ein beglü­ckendes Ziel.

Zufrieden mit dieser Erkenntnis trottete der Kleine Bär zurück nach Hause. In dieser Nacht träumte er von dem wunder­schönen Eisvogel. Der Kleine Bär wünschte ihm von Herzen, dass er sein Ziel finden möge und einen klitze­kleinen Teil seiner Freiheit gegen das große Glück der Liebe eintau­schen könne.