6. Dezember – Schlittschuhlaufen

Der Tag hatte für den Kleinen Bären gut begonnen. Als er aufwachte, lief er sofort auf den Flur zu seinen jubelnden Geschwis­terchen. Nikolaus war offen­sichtlich mit ihren geputzten Stiefelchen sehr zufrieden gewesen und hatte sie bis zum Überlaufen mit Lecker­reien gefüllt. Erstaunt blieb der Kleine Bär vor seinen eigenen Stiefelchen stehen. Hatte er heute Nacht nicht alles an die anderen verteilt? Nikolaus war offen­sichtlich noch einmal zurück­ge­kommen. Um den Kleinen Bären für seine Guther­zigkeit zu belohnen, hatte er die Stiefelchen nochmals über und über mit Süßig­keiten, Nüssen und Orangen gefüllt. “Hurra!”, rief der Kleine Bär und schnappte sich sofort die erste Marzipankartoffel.

Nachdem sich der Kleine Bär den Bauch rundge­mampft hatte, fand Mama Bär, dass es jetzt an der Zeit wäre, sich etwas Bewegung zu verschaffen. Wer so viele Süßig­keiten äße, der müsse sich unbedingt wieder die Kalorien abtrai­nieren, fand sie. Da es draußen bitterkalt war und alle Seen zugefroren waren, schlug sie Schlitt­schuh­laufen vor.

Der Kleine Bär war von ihrem Vorschlag begeistert. Schon oft hatte er die eleganten Eistänzer im Fernsehen bewundert, während er selbst noch nie auf Schlitt­schuhen gestanden hatte. Das sah wirklich leicht aus und würde ihm bestimmt viel Spaß machen. Nichts wie los!

Als er dann endlich mit Mama Bär auf dem Eis stand und die kalten Kufen unter seinen Hinter­tatzen fühlte, wollte er gleich losstürmen. “Lass dir von mir doch erst einmal zeigen, wie man das macht!”, sagte Mama Bär, die schon oft Schlitt­schuh gelaufen war. “Ach nein, Mama, ich weiß schon, wie das geht, und brauche deine Hilfe nicht. Das habe ich doch schon so oft im Fernsehen gesehen.” – “Aber dann gib mir doch wenigstens deine Hand, damit du dich am Anfang an mir festhalten kannst!”, schlug Mama Bär vor. Aber auch von dieser Empfehlung wollte der Kleine Bär nichts wissen, denn er war davon überzeugt, dass er der perfekte Schlitt­schuh­läufer wäre. Und ehe Mama Bär reagieren konnte, nahm er auch schon Schwung – rutschte mit den Füßen weg, machte plumps! und schlit­terte auf dem Bauch mindestens zehn Meter weit. Zum Glück hatte er sich nicht wehgetan, doch als er sah, dass sich Mama Bär das Lachen nicht verkneifen konnte, fing er an zu weinen. Da half sie ihrem kleinen Bärensohn wieder auf die Beine, gab ihm einen Kuss – und fuhr ohne ihn weiter. “Na komm, versuch’s noch einmal!”, rief sie ihm zu. Der Kleine Bär wollte sie schnell einholen – doch rums! lag er schon wieder auf dem Eis. Nun sah er ein, dass er doch die Hilfe seiner Mama Bär brauchte. Er gab ihr die Hand und lauschte ihren Erklä­rungen. Nach ein paar gemein­samen Runden über die Eisfläche klappte es schon wunderbar und er war bald sicher genug, um alleine zu fahren. Ab diesem Zeitpunkt war der Kleine Bär nicht mehr zu halten. Schlitt­schuh laufen machte ihm riesigen Spaß! Während sich Mama Bär zwischen­durch an der Glühweinbude ausruhen und mit einem heißen Getränk aufheizen musste, drehte der Kleine Bär weiterhin eine Runde nach der anderen. Sie staunte wie schnell ihr Sohn das Schlitt­schuh­laufen gelernt hatte, nachdem er es sich doch erst hatte zeigen und erklären lassen müssen.

Dann beobachtete sie eine lustige Szene am Rande der Eisbahn. Ein paar Bären­kinder hatten einen großen, kräftigen Nikolaus mit langem weißen Bart und rotem Mantel dazu überredet, mit ihnen Schlitt­schuh zu laufen. Während die Kleinen flink um ihn herum­flitzten, mühte er sich sehr, auf seinen riesigen Schlitt­schuhen vorwärts zu kommen, und fiel andauernd auf die Nase. Die Bären­kinder amüsierten sich darüber und lachten sich kaputt. Als der Kleine Bär den armen Nikolaus sah, kam er ganz schnell angeschlittert und stoppte mit einer gekonnten Bremsung vor dem Nikolaus. “Hey, Nikolaus! Lass dich nicht entmu­tigen. Komm, ich helfe dir und zeige dir, wie es geht!”, rief er und fuhr vor dem Nikolaus immer hin und her. Dabei erklärte er ihm die Lauftechnik. Dann nahm der Kleine den Großen an sein Händchen und sie fuhren so lange gemeinsam über das Eis, bis der Nikolaus es gelernt hatte. Der Kleine Bär war stolz darauf, dem großen Nikolaus etwas beigebracht zu haben. Und da fiel ihm ein: Wenn er sich nicht von Mama Bär hätte helfen lassen, dann hätte auch er dem Nikolaus nicht helfen können.

Als der Kleine Bär abends hundemüde in seinem Bettchen lag, dachte er noch einmal an den Nachmittag auf Schlitt­schuhen zurück. Er verstand gar nicht mehr, warum er am Anfang zu stolz gewesen war, sich helfen zu lassen. Es ist eigentlich doch gar keine Schande, wenn man Hilfe braucht. Selbst der große Nikolaus hatte sich von einem kleinen Bärchen wie ihm auf die Schlitt­schuhe helfen lassen. ER war nicht zu stolz dafür gewesen und hatte seine Hilfe gerne angenommen. Der Kleine Bär hatte begriffen, dass das Leben viel leichter ist, wenn man ab und zu Hilfe annimmt. Und dass es Freude macht, anderen zu helfen. Mit diesem Gedanken schlief er fest ein und träumte von einem wilden Schlitt­schuhtanz mit dem Nikolaus und Mama Bär.

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