5. Dezember – Nikolaus

Den Nachmittag des 5. Dezembers verbrachte der Kleine Bär mit einer Aufgabe, die er eigentlich gar nicht mochte: Mit Schuhe putzen. Auch seine Geschwis­ter­bären wienerten kräftig an ihren Schuhen herum und im ganzen Haus roch es nach Schuh­creme. Die Schuhe wunderten sich. Sie waren daran gewöhnt, schmutzig und verstaubt in die Ecke gefeuert zu werden, sobald die kleinen Bären­kinder vom Spiel­platz zurück­kamen. Besonders pflegsame Behandlung wurde den Schuhen nie zuteil, obwohl sie bei Wind und Regen immer dafür sorgten, dass die kleinen Bärchen keine kalten Füße bekamen. Sie hätten wirklich eine bessere Behandlung verdient, aber zum Glück waren sie von Natur aus sehr bescheiden. Die Schuhe fühlten sich grund­sätzlich sehr glücklich, weil sie kleine Kinderfüße wärmen und beschützen durften. Das gab ihrem Leben einen wichtigen Sinn.

Mama Bärs und Papa Bärs Ermah­nungen, doch hin und wieder einmal die Schuhe zu putzen, wurden zudies von den Bären­kindern grund­sätzlich überhört. Schließlich gibt es in einem Bären­kin­der­leben ständig Wichti­geres und Inter­es­san­teres zu tun, als Schuhe zu putzen.

Aber der Abend vor Nikolaus war nun einmal etwas anderes – absolute Ausnah­me­si­tuation. In der Nacht würde der Nikolaus wie jedes Jahr an die Türen der schla­fenden Bären­kinder kommen und ihre Schuhe unter die Lupe nehmen. Aus einem großen Sack, den er über der Schulter trug, würde er Süßig­keiten in die Schuhe füllen. Je schöner die Schuhe geputzt waren, desto mehr Süßig­keiten würde es geben. Schmutzige Schuhe aber würden leer bleiben.

Und da der Kleine Bär Süßig­keiten liebte, konnten ihm seine Stiefelchen nicht sauber genug sein. Bevor er ins Bett ging und seinen Gute-Nacht-Kuss von Mama Bär und Papa Bär bekam, stellte er seine tadellos geputzten Stiefelchen vor seine Bärenkinderzimmertür.

Kaum war er einge­schlafen, fing er schon an zu träumen. Der Kleine Bär sah sich selbst im Traum als Nikolaus. Er trug einen roten Mantel mit weißem Fellrand und eine wunder­schöne Nikolaus­mütze. In Begleitung von seinem Elch, der den Schlitten zog, und Knecht Ruprecht ging er in jedes Haus hinein, in dem Bären­kinder wohnten. Überall standen Schuhe und Stiefel vor den Türen und warteten auf ihre süße Fracht. Der Kleine Bär war in seiner Funktion als Nikolaus sehr großzügig und belohnte die Mühe der Bärchen, die ihre Schuhe geputzt hatten.

Einmal kam er in ein Haus von sehr armen Leuten. Dort fand er die Stiefelchen in erbärm­lichem Zustand vor. In der Sohle gab es schon einige Löcher, das Leder war geflickt und die Schnür­senkel gerissen. Der Kleine Bär bemerkte aber, dass kein Schmutz an den verschlis­senen Schuhen klebte. Das Bärenkind musste sie also sehr sorgsam geputzt haben. Da wurde das Herzchen des Kleinen Bären ganz warm und er schenkte nicht nur viele Süßig­keiten, sondern auch seine eigenen, wunder­schönen Nikolaus-Stiefelchen. Die waren schön warm und ganz neu. Er selbst würde es diese eine Nacht auch auf Socken aushalten und kalte Füße in Kauf nehmen, um einem armen Bärenkind warme Füße zu verschaffen.

In einem anderen Haus standen ganz viele Schuhe auf einmal vor der Türe eines Bären­kindes. Geputzt war kein einziges Paar, aber alle schienen dem Nikolaus zu sagen: “Stopf uns voll mit Süßem!” Da füllte er die Schuhe nicht mit Schokolade, sondern mit Schuh­putzzeug. Lappen, Schuh­creme und -bürste. Dann zog er weiter seines Weges und besuchte noch viele Häuser.

Als der Kleine Bär aufwachte, war es noch dunkle Nacht. Er glaubte, von einem Rascheln vor der Tür geweckt worden zu sein. Er kletterte vorsichtig aus seinem Bettchen und öffnete leise die Türe. Seine Stiefelchen waren gefüllt mit Schokolade, Marzipan, Nougat und Printen. Daneben lag ein rotes Mäntelchen und ein Mützchen. Er freute sich, nun auch im richtigen Leben Nikolaus werden zu dürfen. Flugs zog er sich das Kostüm über und verteilte die Süßig­keiten aus seinen Stiefelchen in die Schuhe seiner Geschwis­terchen. Obwohl er diese Sachen auch gerne selber gegessen hätte, war sein Glück, den anderen Bärchen eine Freude zu machen, noch viel größer. Glücklich schlief er wieder ein bis zum nächsten Morgen.

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