14. Dezember – Der Eisvogel

Über Nacht hatte es wieder geschneit, und als der Kleine Bär am Morgen aus dem Fenster schaute, erblickte er eine herrliche, unberührte Schnee­land­schaft. Das Weiß des Schnees leuchtete mit einer faszi­nie­renden Kraft, und die glatte Schnee­decke schrie förmlich nach den Tatzen­spuren spielender Bärchen. Nichts konnte den Kleinen Bären jetzt noch zurück­halten. Mama Bär schaffte es nur mit Mühe, ihren Sprössling zu einem kräftigen Frühstück zu überreden. Kaum war er damit fertig, schlüpfte er auch schon in seine Schnee­stiefel, gab Mama Bär einen Kuss und stürmte hinaus.

Der Himmel über ihm war blau, der Schnee glitzerte und die Luft war so eisig kalt, dass er seinen eigenen Atem sehen konnte. Der Kleine Bär schnürte den Wollschal noch fester um den Hals, zog die Mütze tief über die Ohren und stapfte los. Mit jedem Schritt versank er tiefer im Schnee – das war anstrengend, aber trotzdem war es ein herrliches Gefühl! Der Kleine Bär beschloss, bis zum Mittag­essen einen ausge­dehnten Spaziergang zu machen. Seine Geschwis­ter­bärchen wollte er heute nicht mitnehmen. In dieser aufre­genden Adventszeit sehnte er sich danach, die Stille und Schönheit der Landschaft für sich alleine zu genießen.

Nach einer Stunde musste er sich ausruhen und ließ sich auf einer Bank am Waldrand nieder. Als er dort saß und tief durch­atmete, erblickte er in einer Baumkrone einen wunder­schönen Vogel. Er hatte ein buntes Gefieder, wie der Kleine Bär es noch nie gesehen hatte. Als der Vogel den neugie­rigen Blick des Kleinen Bären spürte, flog er zu ihm hin und setzte sich neben ihn auf die Rücklehne der Bank. “Guten Tag, Kleiner Bär! Ich bin der Eisvogel. Was machst du hier so alleine?”, fragte er.

Hallo, Eisvogel! Ich bin hier, um Sonne, Schnee und Stille zu genießen”, antwortete der Kleine Bär und betrachtete den herrlich bunten Vogel nun von nahem. “Solch einen schönen Vogel wie dich habe ich hierzu­lande noch nie gesehen. Wo kommst du her und wo ist deine Familie?”, wollte er noch wissen.

Der Eisvogel freute sich, solch einen netten kleinen Bären auf seiner Reise getroffen zu haben und antwortete: “Ich bin schon seit vielen Monaten unterwegs und fliege durch die Lüfte, wohin ich mag. Da ich meisterhaft fliegen kann, habe ich absolute Freiheit. Niemand kann mir vorschreiben, wohin ich fliegen soll oder wohin ich nicht darf. Kannst du dir das vorstellen?“, fragte der Eisvogel.

Oh, das muss ja wunder­schön sein, lieber Eisvogel. Du musst wirklich sehr glücklich darüber sein, fliegen zu können! Ich kann das nicht!”, gab der Kleine Bär neidlos zu.

Ja, Kleiner Bär. Natürlich bin ich glücklich über die Freiheit, die ich habe.” Sprach der Eisvogel weiter. “Aber es gibt etwas, was mich traurig macht.” Der Kleine Bär wollte sofort wissen, was das sei, und der Eisvogel gab sich Mühe, es ihm zu erklären: “Ich kann zwar zu allen Orten fliegen”, sagte er, “aber eigentlich habe ich gar kein Ziel. Oft kann ich mich gar nicht über meine grenzenlose Freiheit freuen, weil ich immer das Gefühl habe, nicht dort anzukommen, wo ich hingehöre. Fliege ich nach Westen? Fliege ich nach Osten? Wo ist da der Unter­schied und wen kümmert es? … Ich bin immer so allein … Hin und wieder treffe ich Artge­nossen. Aber auch sie sind ruhelos in ihrem immer währenden Flug durch die Freiheit. Und so bleibe ich allein und irre ohne Ziel umher.”

Der Kleine Bär schaute den Eisvogel fragend an und versuchte, ihn zu verstehen. Doch ohne weitere Erklä­rungen schwang sich der bunte Vogel hoch in die Lüfte und rief dem Kleinen Bären zum Abschied zu, dass er nun weiter­fliegen müsse, um sein Ziel zu finden. In Sekun­den­schnelle war er verschwunden – und der Kleine Bär saß wieder alleine auf seiner Bank.

Das Gespräch mit dem Eisvogel beschäf­tigte ihn noch immer und er stellte sich die Frage, ob er selbst grenzenlose Freiheit hätte? Sicher, er konnte nicht fliegen, aber auf seinen vier Beinen konnte er viele Ziele in der näheren Umgebung erreichen. Er hatte die Freiheit spazieren zu gehen, mit Freunden lustig zu spielen, zu essen so viel er wollte … Aber es gab auch Grenzen: Bei Dunkelheit durfte er nicht mehr alleine nach draußen. Er musste abends um acht Uhr ins Bett und regel­mäßig in die Bären­schule. Mama Bär und Papa Bär setzten seiner Freiheit somit oft Grenzen. Selbst bei Oma Bär und Opa Bär durfte er bei weitem nicht alles was, er wollte. Aber ging es ihm deshalb schlechter als dem Eisvogel? Er überlegte …

Im Gegensatz zum Eisvogel fühlte sich der Kleine Bär sehr glücklich. Dass seine Eltern ihm einiges verboten oder Pflichten aufer­legten, machte ihn nicht wirklich traurig. Denn er fühlte sich von ihnen über alles geliebt. Sie wollten ihm mit den Famili­en­regeln nicht die Freiheit nehmen, sondern ihn vor Unglück schützen. Außerdem wusste der Kleine Bär ganz genau, wo er hinge­hörte und wohin er immer wieder zurück­kehren würde: Zu seiner Familie. Deshalb hatte er in seinem Leben immer ein beglü­ckendes Ziel.

Zufrieden mit dieser Erkenntnis trottete der Kleine Bär zurück nach Hause. In dieser Nacht träumte er von dem wunder­schönen Eisvogel. Der Kleine Bär wünschte ihm von Herzen, dass er sein Ziel finden möge und einen klitze­kleinen Teil seiner Freiheit gegen das große Glück der Liebe eintau­schen könne.

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