20. Dezember – Der Weihnachtsbaum

Auf den nächsten Tag freute sich der Kleine Bär schon seit langem. Denn es war jedes Jahr wieder wunder­schön, mit Papa Bär zusammen in den Wald zu ziehen, um einen Weihnachtsbaum zu holen. Der Kleine Bär hatte kräftig zu Abend gegessen, denn am nächsten Morgen wollte er viel Kraft haben. Die beiden Bären­männer würden lange durch den Schnee stapfen und den Weihnachtsbaum weit nach Hause tragen müssen. Mama Bär hatte mit ihm zusammen schon die Sachen ausge­sucht, die der Kleine Bär anziehen würde. Eine richtig tolle Montur für einen Bären­jungen, der zu einem Abenteuer aufbrach: Feste Stiefel mit hohen Stulpen, ein dicker Wollpullover, eine flauschige Daunen­weste, eine Schneehose, ein Wollschal und eine tolle Pudel­mütze. Allein damit würde er schon aussehen wie der König des Winter­waldes, freute sich der Kleine Bär und schlief bald tief und fest.

Sein Traum ließ nicht lange auf sich warten. In dieser Nacht sah der Kleine Bär sich mit Papa Bär bereits durch den verschneiten Wald tapsen. Papa Bär schul­terte eine große, schwere Axt. Der Kleine Bär trug eine Thermos­flasche mit Tee und eine Menge gut duftender, von Mama Bär liebevoll geschmierter Butter­brote in seinem Rucksack. Sie waren nun schon lange unterwegs, aber weit und breit waren keine Tannen in Sicht. Nur große Eichen, Buchen und Sträucher, die natürlich als Weihnachts­bäume alle gar nicht in Betracht kamen. Besorgt fragten die Bären­männer einen vorbei­kom­menden Hirschen nach dem kürzesten Weg in ein Tannen­wäldchen. Der Hirsch guckte sie zunächst etwas gelang­weilt an, doch gegen ein leckeres Wurstbrot aus Bärchens Rucksack führte er die beiden Wanderer über Stock und Stein zu einem wunder­schönen Wäldchen. Dort standen unendlich viele Tannen­bäume, einer schöner als der andere. Wie jedes Jahr bestand der Kleine Bär darauf, dass ER den Weihnachtsbaum aussuchen dürfe. Papa Bär überließ seinem Sohn gerne die Auswahl, denn auch schon für einen Kinder­bären war es wichtig, eigene Entschei­dungen treffen zu können.

Der Kleine Bär wollte sich ganz bewusst und ohne Eile für den richtigen Baum entscheiden. Papa Bär setzte sich mit einem Brot laut schmatzend auf einen Baumstumpf und ließ seinen Sohn ungestört zwischen den Tannen hin und her wandern. Es gab große, schlanke Tannen, die ihre Äste gleich­mäßig und stolz um sich herum ausbrei­teten. Manche waren füllig, dicht und rund – so wie gut genährte Bären, dachte der Kleine Bär. Andere Tannen waren hoch gewachsen, elegant und schlank – wie schöne Bären­frauen, fand er. Der Kleine Bär überlegte, worauf es überhaupt bei einer Tanne ankam, um Weihnachtsbaum bei Familie Bär werden zu dürfen. Die Tanne sollte freundlich sein, nicht stolz und abweisend. Sie müsste sich wirklich darüber freuen, mit Familie Bär Weihnachten zu feiern. Dann dachte er an die schönen Weihnachts­sterne, die er gebastelt hatte, an die strah­lenden Christ­baum­kugeln, die duftenden Kerzen und schließlich an Oma Bärs Lebku­chen­an­hänger – und stellte fest, dass damit wirklich jeder Baum schön aussehen würde. Der Kleine Bär hatte begriffen, dass es ihm gar nicht darauf ankam, den perfekten, dichten oder schlanken Weihnachtsbaum zu finden. Schließlich war es ihm auch bei seinen Freunden egal, ob sie schön oder hässlich, dick oder dünn, groß oder klein waren. Das, was zählte, war einzig und allein ihr Wesen.

Er schaute sich noch einmal sorgsam um. Sein Blick fiel schließlich auf einen Baum, der relativ versteckt hinter großen, breiten Tannen stand. Es war Sympathie auf den ersten Blick und der Kleine Bär fragte lachend: “Möchtest du unser Weihnachtsbaum werden?” Das Tannen­bäumchen erschrak ein wenig und antwortete etwas schüchtern: “Warum fragst du denn ausge­rechnet mich? Die anderen haben doch viel schönere, geradere Zweige und viel dichtere, grünere Blätter als ich!” –

Das ist mir nicht wichtig. Würdest du dich denn freuen, mit uns Weihnachten zu feiern?”, fragte der Kleine Bär. Der Tannenbaum war ganz gerührt und lächelte bescheiden. “Bisher habe ich mich kaum gewagt, von so etwas Schönem zu träumen. Aber ehrlich gesagt, kann ich mir nichts Schöneres vorstellen als euer Weihnachtsbaum zu werden.” Der Kleine Bär freute sich, einen so freund­lichen, lieben Tannenbaum gefunden zu haben und holte seinen Papa Bär. Der wunderte sich, als ihm sein Sohn den dürren, etwas krummen Baum zeigte. Doch er sagte nichts, denn er respek­tierte die Entscheidung des Kleinen Bären und wusste, dass er sie von Herzen und mit weihnacht­lichem Sachver­stand getroffen hatte.

Nachdem die Tanne im Wohnzimmer der Familie Bär aufgebaut worden war, schmückte sie der Kleine Bär, bis sie so schön war, dass es jedem, der zur Tür hinein­schaute, den Atem verschlug. Die Tanne war überglücklich und strei­chelte den Kleinen Bären mit einem weichen Ast sanft über das Köpfchen. Und dann war der Traum aus.

Am Morgen wachte der Kleine Bär mit einem guten Gefühl im Bauch auf, denn er wusste, dass er die richtige, SEINE Tanne finden würde. Weil er genau wusste, wie er nach ihr suchen musste. Nicht mit den Augen, sondern mit dem Herzen.

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