16. Dezember – Der traurige Elch

Im Traum ging der Kleine Bär in einer Schnee­land­schaft spazieren. Obwohl die verschneiten Hügel und Tannen wunder­schön aussahen, war ihm schon mächtig kalt. Als er sich einen Hügel hinun­ter­t­rollte, stand er plötzlich vor dem Schlitten des Weihnachts­mannes. Ein Elch war vor den Schlitten gespannt und blickte mit gelang­weilter Miene zu seinem Herrn, der sich in etwa 100 Metern Entfernung ein Würstchen auf einem Lager­feuer briet. An dem roten Mantel und dem langen weißen Bart war der Weihnachtsmann schon von weitem zu erkennen, doch er bemerkte den Kleinen Bären nicht.

Warum schaust du denn so traurig?”, fragte der Kleine Bär den großen Elch. Dieser schaute ihn mit trüben Augen und hängendem Kopf treuherzig an. “Du bist der Erste, der mich das fragt”, staunte der Elch, “aber du hast Recht, mir geht es wirklich nicht so gut.” – “Und warum nicht?”, wollte der Kleine Bär wissen.

Oh, ich bin in Wirklichkeit gar kein Elch, sondern ein Weihnachts­ge­schenk”, begann der Elch. “Bevor ich verzaubert wurde, war ich ein wunder­schönes Geschenk­paket, einge­wi­ckelt in herrlichstes Glanz­papier und verziert mit einer dicken Schleife. In der Zeit meines Lebens lag ich schon unter den schönsten Tannen­bäumen und auf den reichsten Gaben­ti­schen. Damals war ich sehr stolz auf mich und konnte mich nie für ein Kind entscheiden, dem ich zu Weihnachten geschenkt werden wollte und das mich hätte auspacken dürfen. Meine schöne Verpa­ckung war mir stets zu kostbar. Und Kinder mit ihren schmut­zigen Schoko­la­den­händen wollte ich erst gar nicht an mich heran­lassen. Eines Tages wurde der Weihnachtsmann sehr wütend, weil er mich schon unzählige Male verteilt, aber immer wieder auf seinem Schlitten wieder­ge­funden hatte. Da fuhr er mit mir zur Waldhexe, die mich in einen Elch verwan­delte. Seither ziehe ich jahraus, jahrein den Geschen­ke­schlitten des Weihnachts­mannes. Anstelle des schönen Geschenk­pa­piers habe ich nun ein braunes, grobes Fell und anstatt der Schleife trage ich eine Trense mit Zügeln. Und obwohl ich die Wärme eines weihnachtlich geschmückten Wohnzimmers sehr liebe, muss ich nun durch Nacht und Wind traben. Und dazu noch einen schweren Schlitten ziehen, der über und über mit Geschenken beladen ist. Deshalb bin ich traurig. Kannst du das verstehen?”, fragte der Elch.

Der Kleine Bär hatte der Geschichte des verwun­schenen Elches gebannt gelauscht und konnte dessen Gefühle gut verstehen. Deshalb wollte er den Elch nun trösten. “Komm, Elch, wir kuscheln uns zusammen, dann ist es uns schon gar nicht mehr so kalt”, sagte der Kleine Bär und drückte sich fest an das warme Fell. Er dachte über die Geschichte des Elchs nach und fand es nach kurzer Überlegung schon gar nicht mehr schwierig, ihn zu trösten.

Lieber Elch, warum bist du denn nicht froh über deine Verwandlung? Früher warst du ein eitles, unbeweg­liches Geschenk. Du hattest keine Freunde, weil du dich von niemandem auspacken lassen wolltest. Heute lieben dich alle Kinder, weil du ihnen die Geschenke des Weihnachts­mannes bringst. Und überhaupt: Früher hattest du kein wirkliches Leben, du warst ein Gegen­stand und konntest dich nicht frei bewegen oder gar sprechen. Heute bist du ein großer, statt­licher Elch, der toll röhren, laufen, springen und lachen kann. Ist das Leben, das du dagegen erhalten hast, nicht wunder­schön?”, fragte der Kleine Bär den Elch im Brustton der Überzeugung. “Du solltest der Waldhexe dankbar sein!”.

Du hast Recht”, sagte der Elch. “So habe ich mir das noch nie überlegt. Eigentlich habe ich wirklich allen Grund, mit meinem Dasein als Elch zufrieden zu sein. Ich bin weniger elegant, aber dafür habe ich wichtige Aufgaben zu erledigen und kann das Leben in vollen Zügen genießen.” Der Kleine Bär stellte fest, dass der Elch schon gar nicht mehr so traurig guckte, nein, seine Augen funkelten sogar vor Freude. ”Gut, dass ich ein Elch bin. Ich danke dir für deine Worte, Kleiner Bär!”, rief der Elch.

Der Kleine Bär verab­schiedete sich. “Ich muss jetzt leider weiter­gehen, lieber Elch. Denn noch vor dem Ende meines Traumes muss ich wieder zu Hause in meinem Bettchen liegen, damit alles in Ordnung ist, wenn ich erwache. Und danke, dass du mich so kuschelig gewärmt hast. Auch das hättest du als Weihnachts­ge­schenk nicht tun können!”

Zurück blieb ein zufrie­dener, freude­strah­lender Elch, der sich schon auf seine Aufgaben freute. “Hoffentlich ist der Weihnachtsmann bald fertig mit seinen Würstchen! Ich will unbedingt losziehen und Geschenke an die Kinder in der Stadt verteilen”, sagte der Elch freudig und ungeduldig.

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