17. Dezember – Glühwein

Der Kleine Bär war enttäuscht, dass Papa Bär ihn nicht zu seiner Verab­redung auf den Weihnachts­markt mitnehmen wollte. Das sei ein reines Männer­treffen, er wolle mit seinen alten Kumpel­bären endlich wieder einmal Glühwein trinken und von alten Zeiten erzählen.

Verstand Papa Bär denn nicht, dass es für seinen Sohn das größte Glück bedeutete, auf den Weihnachts­markt zu gehen?, fragte sich der Kleine Bär. Beim bloßen Gedanken an den Weihnachts­markt sah er schon wieder all die bunten Lichter und Nikoläuse vor sich, und er vernahm die tollen Gerüche von Bratwürsten und gebrannten Mandeln in seiner Nase. Als sich auch noch ein lautes Bauch­knurren und nervöses Herum­trippeln der Füße einstellte, beschloss er, etwas zu unternehmen.

An diesem Abend ging der Kleine Bär pünktlich um acht Uhr ins Bett. Er hatte brav sein Abend­essen gegessen, die Zähne geputzt und den Schlaf­anzug ohne Murren angezogen. Mama Bär wunderte sich, warum ihr Sohn heute ein so perfektes, artiges Bärenkind war. Würde er etwa krank werden?, dachte sie und gab ihm einen Gute-Nacht-Kuss.

Als Mama Bär aus dem Zimmer gegangen war und das Licht ausge­schaltet hatte, stellte sich der Kleine Bär zunächst schlafend. Nach einer Weile öffnete er weit die Augen und wartete. Nachdem er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, konnte er alle Spiel­zeuge und sogar seine Kleider erkennen, die Mama über einen Stuhl gehängt hatte. Schnell schlüpfte der Kleine Bär aus dem Bettchen heraus und hinein in seine Anzieh­sachen. Zum Schluss zog er sich noch seine Winter­jacke, die Pudel­mütze, Handschuhe und Stiefelchen an. Dann öffnete er leise das Fenster und kletterte ganz behutsam und leise von der Fensterbank an der Hauswand hinab in den Schnee. Die Nacht war dunkel und kalt. Er überlegte noch, ob sein Bettchen nicht gemüt­licher sei, doch dann sah er von weitem schon die Lichter und hörte die Musik des Weihnachts­marktes. Nichts konnte ihn jetzt noch halten. Er musste einfach nur diesen Zeichen folgen und bald hatte er sein Ziel erreicht. Auf dem Weihnachts­markt angekommen, fragte er einen alten, blinden, drehor­gel­spie­lenden Bären nach der Glühweinbude. Er solle einfach nur dem süßlichen Duft folgen, bekam er zur Antwort.

Mit dieser präzisen Wegbe­schreibung hatte der Kleine Bär bald die Glühweinbude erreicht und sogar seinen Papa in null Komma nix ausfindig gemacht. Papa Bär stand in einer Gruppe von Bären und amüsierte sich königlich. Alle lachten laut und fröhlich und tranken dabei aus dampfenden Keramik­tassen. Das muss ja lecker schmecken, dachte der Kleine Bär und bestellte sich sofort eine Tasse Glühwein. Dabei achtete er darauf, unent­deckt zu bleiben, da Papa Bär ihn sonst bestimmt sofort nach Hause gebracht und ausge­schimpft hätte. Nach ein paar Schlücken hatte sich der Kleine Bär an das kräftige Aroma des Glühweins gewöhnt und spürte, wie sich eine wohlige Wärme in seinem Körper ausbreitete. Er bestellte eine zweite Tasse, die er ebenfalls bis auf den letzten Tropfen austrank. Zwischen­durch entwischte ihm ein kräftiges Bäuerchen und als ihn die umher­ste­henden Bären entsetzt ansahen, konnte er sich einen Lachanfall nicht mehr verkneifen. Jetzt spürte er, wie seine Nase heiß wurde, und als er auf sie drauf schielte, stellte er fest, dass sie knallrot war. Da musste der Kleine Bär noch mehr lachen. Er wollte seine rote, dicke, heiße Nase allen zeigen und schwang sich wild auf die Theke. Er balan­cierte laut lachend zwischen den Tassen herum und verlor bald das Gleich­ge­wicht. Er plumpste in das Spülbecken, in dem eine ältere Bärin die Tassen reinigte. Das Wasser klatschte in hohem Bogen und ausge­rechnet Papa Bär wurde nass. Als Papa Bär seinen Sohn mit knall­roter Nase im Spülbecken liegen sah, ließ er seine Glühweintasse fallen und eilte herbei. Schwups! hatte er ihn auch schon hochge­hoben und an sich gedrückt. “Mein armer, kleiner Schatz”, sagte Papa Bär, “wo kommst du denn her?” Der Kleine Bär wollte antworten, doch es entwischte ihm nur ein heftiges “Hicks!”. Papa Bär wickelte den Bären­jungen in seinen Mantel und brachte ihn auf schnellstem Wege nach Hause. Der Kleine Bär merkte nicht einmal, dass ihm wie von Zauberhand wieder der Schlaf­anzug angezogen und er wieder ins Bettchen gelegt wurde. Sofort fiel er in tiefen Schlaf. Und dann träumte er ganz schrecklich.

Im Traum war seine Nase schon so rot wie ein Feuer­wehrauto und schwoll immer weiter an. Sie wurde größer als sein Kopf und er konnte sie kaum noch tragen. Dann kam ein sich drehender Propeller aus der Nase heraus und der Kleine Bär hob ab wie ein Hubschrauber. Er drehte sich wie ein Karussell und schwankte dabei hin und her, vor und zurück, so dass ihm ganz schlecht wurde.

Als der Kleine Bär am nächsten Morgen aufwachte, konnte er sich an seinen Traum nicht mehr erinnern. Aber der Kopf tat ihm schrecklich weh. Was war denn gestern auf dem Weihnachts­markt nur passiert? Und wie war er denn wieder nach Hause in sein Bettchen gekommen?

Beim Gedanken an Glühwein ekelte es den Kleinen Bären und die Nase fing an zu pochen. Nie wieder würde der Kleine Bär Glühwein trinken, da war er sich vollkommen sicher. In diesem Augen­blick öffnete sich die Kinder­zim­mertür und Papa Bär kam herein. Ohne ein Wort zu dem gestrigen Abend zu verlieren, nahm er seinen Sohn auf den Arm und drückte ihn liebevoll. “Willst du heute mit mir auf den Weihnachts­markt gehen?”, fragte Papa Bär. “Ja!”, rief der Kleine Bär. “Aber nur, wenn ich keinen Glühwein trinken muss. Außerdem will ich nie wieder alleine durch die Nacht laufen.”

Das ist in Ordnung”, sagte Papa Bär.

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