4. Dezember – Knecht Ruprecht

An diesem Nachmittag begleitete der Kleine Bär seine Mama Bär in die Stadt. Es war viel los und so viele hektische Bären auf einmal hatte der Kleine Bär noch nie gesehen. Die Stadt glitzerte in allen Farben, die Schau­fenster waren üppig dekoriert mit Girlanden aus künst­lichen Tannen­zweigen und blinkenden Lichtern. Überall roch es nach gerös­teten Maronen und saftigen Bratwürsten. Ganz besonders wunderte sich der Kleine Bär aber über die vielen, als Weihnachts­männer verklei­deten Bären. Sie standen vor den Geschäften und auf den Plätzen, redeten mit den Kindern und schwenkten den Eltern rasselnde Blech­dosen entgegen. Die bärigen Weihnachts­männer trugen rote Mützen, rote Mäntel und sahen mit ihrem langen, weißen Bärten sehr lustig aus.

Mama Bär bezahlte gerade ein besonders schönes Glas Honig an der Kasse eines großen Waren­hauses, als dem Kleinen Bären der Begleiter eines Weihnachts­mannes auffiel. Der sah fürch­terlich aus, hatte lange, schwarze, zottelige Haare, hockte auf dem Boden und rasselte böse um sich blickend mit einer Kette. Die Kinder sollten Angst vor ihm haben – schließlich war er der Knecht Ruprecht! Statt­dessen lachten sie ihn aber nur aus. “Bah, bist du hässlich!”, riefen sie lachend, worauf Knecht Ruprecht immer böser wurde. Er fauchte die kreischenden Kinder an und machte ein finsteres Gesicht, doch die Kinder lachten ihn weiter aus. Der Kleine Bär spürte plötzlich großes Mitleid mit dem armen, ausge­lachten Knecht Ruprecht. Er fand es ungerecht, einen armen, alten Kerl, der noch nicht einmal richtig laufen konnte und der dem Weihnachtsmann zudies große Hilfe leistete, so gemein auszulachen.

Der Kleine Bär lief auf den grollenden Knecht Ruprecht zu und sah nicht den Hass in seinem Gesicht und auch nicht seine ganze Hässlichkeit. Alle umher­ste­henden Bären, vor allem die Mama Bär, hielten inne vor Schrecken, als sie sahen, wohin der Kleine Bär lief. Doch er hatte keine Angst vor dem Knecht Ruprecht. Er sah ihm in die zornigen Augen, lächelte und sandte ihm seine ganze Liebe, die er im Herzen hatte. Knecht Ruprecht wurde plötzlich ganz still und schaute den Kleinen Bären verwundert an. Plötzlich kullerten dem Knecht Ruprecht dicke Tränen aus den Augen und er rief: “Ich bin so glücklich. Ich habe einen Freund!” Der Kleine Bär breitete seine Ärmchen aus und Knecht Ruprecht drückte sich ganz fest an sein flauschiges Fell. “Es gibt jemanden, der mich mag, obwohl ich so hässlich und böse bin. Ich freue mich!” Der Kleine Bär war überglücklich über die Liebe, die ihm der Knecht Ruprecht zurückgab. Für die Bären­kinder und alle anderen wirkte das Geschehen wie ein großes Wunder. Mama Bär hingegen begriff sehr schnell und war stolz auf ihr Kleines Bärchen. Denn sie wusste, dass es ein ganz beson­deres, liebes Bärchen war. Sie gab Knecht Ruprecht sehr herzlich die Tatze zur Begrüßung und lud ihn ein, ihre Bären­fa­milie zu besuchen, wann immer er wolle. Knecht Ruprecht war sehr glücklich und versprach, den Kleinen Bären so oft wie möglich besuchen zu kommen. An diesem Abend würden die beiden neuen Freunde vonein­ander träumen. Der Kleine Bär vom Knecht Ruprecht und Knecht Ruprecht vom Kleinen Bären. Es war schön, mit so viel Liebe im Bauch einzuschlafen.

1 Kommentar
  1. Kamischke
    Kamischke sagte:

    Liebe Babette, deine Geschichten sind so schön! Wir freuen uns jeden Abend auf eine tolle Bären-Weihnachtsgeschichte. Vielen Dank dafür.
    Nina und Mia

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